Aus „Der OnVista-Börsenfuchs“

Und Wall Street macht die Augen zu

Hallo Leute! Vorweg und im vollen Ernst: Ich mag mich mit meinem Urteil nach einer Woche total irren, vielleicht. Ich schätze Chancen und Risiken falsch ein, möglich. Aber gestern habe ich mich eindeutig gegen Trump entschieden! Deshalb warne ich jetzt eindringlich alle Teilnehmer der Trump-Rally vor euphorischer Beschleunigung. Wall Street fährt blind im Rekordtempo. Statt eines Helms tragen freudetrunkene Händler auf dem Parkett neue 20.000-Punkte-Käppis. Ehrlich, ich will nicht begreifen, was da so abgeht und den Dax mitreißt. Schier unglaublich die Trump-Fanfaren mit drei M – Mexiko, Mauer, Menschenrechte. Der Mann ist nur wenige Tage im Oval Office, da kannst Du schon Artikel lesen, wie das Verfahren ablaufen müsste, wenn man ihn seines Amts entheben wollte („Impeachment“). Schon mal sowas nach so kurzer Zeit erlebt?

Am liebsten würde ich hier den glänzenden Kommentator von Stefan Kaiser (Spiegel online) in voller Länge widergeben – ein Auszug: „Die Geschichte geht so: Ein Geschäftsmann übernimmt das US-Präsidentenamt zu einem Zeitpunkt, an dem die amerikanische Wirtschaft ohnehin gerade in Schwung kommt. Sein Regierungsprogramm wird sie auch noch von den letzten Fesseln befreien: mit niedrigeren Steuern, weniger Regulierungsvorschriften und mehr staatlichen Investitionen in eine teils marode öffentliche Infrastruktur. Der US-Wirtschaft stehen demnach also goldene Zeiten bevor. Die Geschichte klingt gut, doch sie hat einen gewaltigen Haken: Sie blendet wichtige Teil der Realität einfach aus. Zum einen verschweigt sie, dass der neue Mann im Weißen Haus kein rational handelnder Politiker, sondern ein unberechenbarer Narzisst ist. Zum anderen kommt ein wichtiger Teil seiner politischen Versprechen in der Geschichte einfach nicht vor: ein Handelskrieg mit China, Mexiko und möglicherweise auch anderen bisherigen Partnern wie Deutschland. Dabei geht es gar nicht um Moral oder Anstand - solche Kategorien haben die Finanzmärkte noch nie interessiert. Es geht schlicht um ökonomische Rationalität.“

Seufz. Was an den Aktienmärkten in den vergangenen Tagen geschehen ist, kann nicht wirklich überraschen. Denn die Rekordlaune der Amis hat sich ja schon vor Wochen aufgebaut. Und jetzt das große Hurra, denn es geht beim Dow mit Schmackes endlich über die 20.000-Marke. Da sind alle wieder auf der Käuferseite. Die Bullen-Herde ist losgerannt. Ich benutze in solchen Fällen gerne den Begriff „Stampede“ – ein Bild aus alten amerikanischen Western. Wie lang die dauert und wie weit sie reicht, ich weiß es nicht.
Entscheidet (wie immer!) selbst, meine Freunde, was Ihr daraus macht. Vielleicht war die vergangene Woche tatsächlich der Anfang der nächsten Hausse-Etappe – vielleicht aber auch eine Bullen-Falle. Vieles wird halt von Twitter-Donald anhängen. Möglicherweise keimt wenigstens bei uns was Gutes: Die Europäer rücken wieder enger zusammen und entwickeln neue politische Stärke. Ein selbstbewusstes Gegengewicht zu Trumpamerica, das wär’s. Aber das ist bloß Hoffnung. Die bevorstehenden Wahlen werden es zeigen. Und Aktien? Halten erscheint mir weiter eine sinnvolle Taktik.